11 Mai 2013

1 Sekunde an der Katastrophe vorbei

Posted by Joerg

Oft wird gesagt, dass Segeln ein gefährlicher Sport ist. Was er nicht ist, wenn man weiß wo die Grenzen liegen. Gefährlich wird es, wenn man auf unverantwortlich handelnde Menschen trifft, so wie wir in der Nacht von Donnerstag auf Freitag.

Wir segelten die Regatta Armen Race, eine unserer Trainingsregatten im Open 60. Die Bedingungen waren ideal für ein Training, gute 5 bis 6 Windstärken und Wellen um 2 Meter. Wir waren gerade kurz davor, die Ile de Groix vor Lorient zu runden und bereiteten gerade den Gennaker für den Reachgang zur Ile de Yeu vor. Alles schien perfekt zu sein, mein Co Skipper Sebastien Audigane und das Technikteam, welches mit an Bord war, und ich waren super zufrieden mit dem Boot und unseren Manövern. Es waren noch 2 Meilen bis zur Nordspitze der Ile de Groix. Wir befanden uns schon fast am Fuß der Klippen, wir segelten auf Backbord Bug und hatten regelmäßig gecheckt, ob nicht irgendwelche Boote unseren Kurs kreuzten, wussten wir doch das es hier viele Fischer gibt und Fischer sich nie an Regeln halten

Dann kam die Sekunde, die alles veränderte. Unser Preparateur Antoine meinte ein Geräusch zu hören und checkte, in Lee was es sein könnte. Dann kam der Schrei “WENDE! WENDE!”, ich luvte sofort an und wendete. Während das Boot anluvte, offenbarte sich mir das Grauen: Ich sah das beleuchte Arbeitsdeck eines Fischerbootes und sah wie sich unser Outrigger in sein Fanggeshirr bohrte. Dann kam das unverwechselbare Geräusch von berstendem Carbon und ich sah wie sich der Outrigger nach Achtern bog. Ich war sicher, dass er brechen würde, was zum sofortigen Mastbruch geführt hätte, da der Outrigger den Mast hält, wie eine Saling bei normalen Masten. Das Boot war mittlerweile gewendet und es herrschte Chaos an Deck. Wir waren uns immer noch sicher, dass der Mast in einigen Sekunden brechen würde, alle starrten nach oben und warteten auf den ohrenbetäubenden Knall von brechenden Carbon. Wie durch ein Wunder ist der Outrigger in seiner Aufhängung gebrochen und durch das lose Backstag auf der neuen Luvseite ist der Outrigger wieder in seine Positon gezwungen worden. Wir bargen sofort alle Segel und sicherten den Mast mit Fallen, da wir immer noch nicht sicher waren, ob der Outrigger nicht doch noch nachgibt. Wir checkten sofort den Rumpf und fanden zum Glück nur Kratzer und Farbspuren des Fischerboots.
Der Fischer hat nicht eine Sekunde seine Fahrt reduziert und ist in die Nacht verschwunden.

Auf dem Weg unter Motor nach Lorient war eine eigenartige Stimmung an Bord. Einerseits waren wir überglücklich, den Mast nicht verloren zu haben. Aber jeder von uns wusste, was passiert wäre wenn wir nur eine Sekunde später gewendet wären. Der Fischer hätte uns mit voller Fahrt zwischen Bug und Wanten mit einem Aufparlwinkel von 60 Grad getroffen. Das hätte das Ende vom Boot bedeutet und es hätte auch unser Leben in Gefahr bringen können.

Dass Fischer oft etwas Lax mit den Regeln auf dem Wasser umgehen, wissen wir, aber was dieser Fischer gemacht hat, ist nicht zu verzeihen. Er war ohne Positionslampen unterwegs, hatte kein AIS und hat wohl auch nicht Ausguck gehalten. Soweit hat er nicht korrekt gehandelt  – aber OK, das kann man vielleicht noch akzeptieren, dass es einen Unfall gab, auch noch. ABER nach der Kollision weiterzufahren, ist niemals zu vergeben. Der Fischer hat Verletzte und Tote in Kauf genommen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Wir haben den Fischer angezeigt. Er ist immer noch flüchtig. Wir versuchen, zusammen mit dem Behörden, ihn zu identifieziren. Vom französischen Gesetz her hat der Fischer mit seiner unterlassenen Hilfeleistung ein Akt der Piraterie begangen, worauf in Frankreich als Höchststafte Lebenslänglich steht. Die Chancen den Fischer zu finden, sind leider nicht sehr hoch.

Auf uns kommt jetzt wieder viel Arbeit zu. Wir haben schon angefangen, das Boot zu demontieren. Am Montag wird der Mast aus dem Boot genommen und am Mittwoch per Ultraschall untersucht. Auch das Boot wird komplet duchgecheckt. Glücklicherweise stellt uns Jeremie Beyou für diese Saison einen seiner Outrigger zur Verfügung – eine sehr nette Geste. Allerdings müssen wir das Oberwant sowie das Outriggerwant komplett ersetzten, da sie bei der Kollision schwer beschädigt wurden. Wenn alles Gut geht ist der Open 60 in 2 Wochen wieder einsatzbereit.

Als Lehre aus diesem Vorfall haben wir beschlossen, alle Nachttrainings im Open 60 in die äußere Biskaya zu verlegen, wo es weiniger Fischgründe und somit auch weniger Fischer gibt.
Und ich hoffe, dass Fischer irgendwann begreifen, dass sie nicht die Cowboys der Meere sind und sich verdammt noch mal wie alle anderen, an Regeln zu halten haben. Alle kritisieren immer die Segler, aber es sind die Segler die sich zu 98% absolut vorbildlich auf dem Meer verhalten, es nicht verschmutzen und die Regeln akzeptieren.

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